Gesundheit

Diabetes und Ihre Ursachen

Heute haben Diabetiker:innen annähernd die gleiche Lebenserwartung wie Menschen mit gesundem Stoffwechsel.

Leonard Thompson hieß er. Der 14-jährige Kanadier war der erste, dessen Typ-I-Diabetes mit Insulin behandelt wurde. Das war am 23. Januar 1922 und der Auftakt für eine medizinische Erfolgsgeschichte. Bis dahin galt: Nach Diagnose hatten die Betroffenen noch neun Monate zu leben. 

Es war ein Insulinextrakt, das aus der Garantie zu sterben neue Lebensperspektiven schuf. Was bis heute aber gilt: Die Krankheit ist für die Betroffenen eine Herausforderung und braucht ständiges Management. „Urlaub von Diabetes gibt es nicht“, so formulierte es Ann-Kathrin Döbler von der Deutschen Diabetes-Hilfe (diabetesDE). Expertinnen und Experten der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und von diabetesDE haben auf einer gemeinsamen Online-Pressekonferenz die Fortschritte der vergangenen 100 Jahre Revue passieren lassen.

Für Professor Andreas Neu, Präsident der DDG, war der 23. Januar 1922 eine „Zäsur“. Leonard Thompson wog 29 Kilo, als er das Krankenhaus in Toronto betrat; die einzige lebensverlängernde Strategie war damals die Kontrolle des Blutzuckers durch Zuführung von so wenig Nahrung wie möglich – man hungerte sich dem Lebensende entgegen. Der Junge war „dem Tode geweiht“. Doch die Injektionen mit einem Extrakt aus Rinderbauchspeicheldrüsen zeigten schnell Wirkung.

Management des Diabetes: Eine komplexe Herausforderung

Dann ging es Schlag auf Schlag. Die industrielle Insulinproduktion startete bald danach.

„Bemerkenswert ist die Tatsache“, so Prof. Neu, „dass die ersten Unternehmen, die nach der Entwicklung des Insulins die industrielle Herstellung übernommen haben, auch heute noch die weltweit größten Hersteller sind.“ Heute stehen den Patient:innen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung, ihren Blutzucker im Lot zu halten – von länger wirksamen Insulinen bis hin zu Instrumenten, die eine computergesteuerte Abgabe von Insulin über eine Pumpe ermöglichen, reicht heute das Arsenal. Abhängig davon wie hoch die Glukosespiegel im Blut sind (s. Therapie des Diabetes bei diabetesDE). „Diese sogenannten ´Closed-loop-Systeme` sind sehr nahe an dem, was die Glukoseregulation bei Gesunden ausmacht“, sagt Diabetes-Experte Neu. Sie erledigen das, was bei Gesunden die Bauchspeicheldrüse macht. „Dennoch – Diabetes heißt auch heute noch: Mehrmals tägliche Glukosemessungen, Insulingabe zu jeder Mahlzeit, Abschätzen der Kohlenhydrate beim Essen bis zur Notwendigkeit, alle Hilfsmittel und das Insulin jederzeit parat zu haben.“

Es ist ein komplexes Management, das gerade junge Patient:innen schnell überfordern kann. Prof. Neu fordert deshalb flächendeckend die Einführung multiprofessioneller Teams an Kinderkliniken; bestehend aus Ärzt:innen, Ernährungs- und Diabetesberater:innen und Fachkräften aus dem psychosozialen Bereich zur Begleitung der Bewältigung der Krankheit im Alltag. Hier sieht Prof. Neu die größten Lücken; gerade die psychologische Betreuung hält er für essenziell: „Das darf nicht davon abhängig sein, ob das eine ökonomische lohnende Maßnahme ist. Der Bedarf ist da.“ Der Anspruch: eine auf jeden Betroffenen individuell abgestimmte Behandlungsstrategie.

Diabetes ist nicht gleich Diabetes

Diabetes ist nicht Diabetes. Selbst von medizinischen Fachkräften werden Typ I und II oft in denselben Topf geworfen. Dabei sind das „zwei komplett unterschiedliche Krankheiten“, so Ann-Kathrin Döbler.

  • Typ I (auch Kinder- oder insulinabhängiger Diabetes) hat seine Ursache im Versagen der Bauchspeicheldrüse – der Körper produziert kein überlebenswichtiges Insulin. Typ I macht 5 bis 10 Prozent der Fälle aus; momentan sind es rund 341.000 Erwachsene und 32.000 Kinder und Jugendliche. Wird ihnen kein Insulin zugeführt, sterben sie. Die Ursache der Erkrankung ist bis heute weitgehend unbekannt. Unbekannt ist auch, warum die Fälle von Typ-I-Diabetes zunehmen.
  • Typ II (auch Wohlstands- oder Altersdiabetes) bedeutet eine Abnahme der Insulinempfindlichkeit, hat eine starke genetische Komponente und ist oft auch – aber nicht ausschließlich – die Folge ungesunden Lebensstils. Menschen mit Typ II machen rund 90 Prozent der Fälle aus; in Deutschland sind es rund 8,5 Millionen. Die Tendenz: stark steigend. Die Befürchtung ist, dass die Pandemie diesen Zuwachs noch einmal befeuern wird. Die Therapie des Typ II unterscheidet sich deutlich: Neben nicht-medikamentösen Maßnahmen (Ernährung, Bewegung) stehen Antidiabetika in Tablettenform zur Verfügung. Lässt sich der Blutzucker auf diese Weise nicht oder nicht mehr unter Kontrolle bringen, stehen auch für Typ-II-Diabetiker Insuline zur Verfügung.

Die beiden Diabetes-Typen voneinander zu trennen ist eine Unterscheidung, die überlebenswichtig sein kann, wie Professor Dr. med. Andreas Fritsche von der Uniklinik Tübingen betont – etwa für Patientinnen, die sich im Krankenhaus einer Operation unterziehen müssen. „In Krankenhäusern ist es oft üblich, dass man vor einer Operation das Insulin absetzt. Doch für den Betroffenen mit Typ I ist das akut lebensgefährlich.“ Fritsche prognostiziert für die Zukunft eine präzisere und individuellere Therapie. „Bei den langwirkenden Insulinen geht die Tendenz dahin, dass sie noch länger wirken und vielleicht nur noch einmal pro Woche gespritzt werden müssen.“ Auch an Zelltherapien wird geforscht, mit dem Ziel, die insulinproduzierenden Zellen zu ersetzen, die bei Menschen mit Diabetes Typ I zerstört sind (s. Pharma Fakten).

Michaela Berger, selbst Typ-I-Diabetikerin und Diabetes-Beraterin, die 1959 ihre Diagnose erhielt, hat die Folgen des Fortschritts am eigenen Leib mitbekommen. Zu dieser Zeit gab es die Regel, dass Kinder erst ab dem zehnten Lebensjahr allein Insulin spritzen durften. Damals überprüfte das Institut für Sonderschulwesen an der pädagogischen Fakultät der Humboldt-Universität in Berlin ernsthaft die Frage, „ob ein für Insulin abhängiges Kind überhaupt im Kreis der Familie aufwachsen darf.“ Manuela Berger durfte. Heute würde diese Frage niemand mehr zu stellen wagen.

 

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